Für Gregory Bateson, Ethologe, Kulturanthropologe und Psychiater,
gest. am 4. Juli 1980 im San Francisco Zen Center
Vater und Tochter sitzen beim Frühstück.
T: Weißt du eigentlich, was du da machst, wenn du ein
Kipferl isst, Papi?
V: Ich esse.
T: Aber was! Du isst symbolisch einen Muslim!
V: Wirklich?
T: Bei der letzten Türkenbelagerung von Wien hatten die
Türken eine Stange mit einem Halbmond oben drauf am Gipfel des Kahlenbergs
platziert. Ein findiger Bäckermeister formte nach der Zurückschlagung
der Türken eine dem Halbmond nachempfundene Teigware und nannte sie Kipferl,
nach dem Gipfel, wo sie so lang zu sehen war.
V: Das ist eine wilde Geschichte. Soll ich jetzt kein Kipferl
mehr essen?
T: Heute findet niemand mehr etwas dabei, aber solche menschenfresserischen
Haltungen sind tief in unsere Kultur eingeschrieben.
V: Übertreib nicht so. (Jeder isst.)
T: Papi, was ist Buddhismus?
V: Warum interessiert dich das plötzlich?
T: War so eine Eingebung.
V: Buddhismus ist eine Deutung der Welt mittels Geschichten
und ein Weg der Praxis, der Übung.
T: (verblüfft) Wau, das ist aber sehr abstrakt
und sehr allgemein.
V: Als du klein warst, hast du die Welt mittels der Geschichten
gedeutet, die du kanntest. Wir waren einmal auf der Ruine Rauheneck (im Helenental
bei Baden in Niederösterreich) und haben uns vom Turm die Gegend angeschaut.
Du hast sofort gewusst, wo die Zwerge wohnen und wo die böse Hexe ...
T: Das ist aber schon urlange her ...
V: Schon, aber wenn du erwachsen bist, ändern sich nur
die Geschichten und die Einstellung zu ihnen, aber nicht das Prinzip.
T: Du magst die buddhistischen Geschichten, die Jatakas, den
exemplarischen Lebenslauf Buddhas, die markigen Zen-Geschichten, die über
die ausgeflippten tibetischen Yogis ...
V: (lächelt) Ja.
T: Das sind die Geschichten ...
V: Sozusagen, dann habe ich noch meine Praxis.
T: Wie hängt das zusammen?
V: Mit der Praxis erfährt man die Leerheit aller Geschichten,
auch der buddhistischen.
T: Auch der buddhistischen?
V: Ja, ganz praktisch.
T: Das heißt, buddhistische Geschichten sind allen anderen
Geschichten gleichberechtigt? Sie sind so zu behandeln wie z.B. literarische
oder die über andere Kulturen?
V: Ja, für mich bewegen sie sich im selben Rahmen des
Rechtsstaates. Religiöse haben da keinen besonderen Anspruch auf Schutz,
aber auch nicht weniger.
T: Ich weiß schon, worauf du anspielst – Buddha
dürfte auch als Haschischrauchender dargestellt werden?
V: In der Sprache der Gegenkultur Amerikas ist ein «Buddha»
ein Joint ...
T: «Smoke get’s in your eyes» und so, nicht?
V: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geist hat zum Ziel,
dass kein Rauch entsteht, dass das Feuer erlischt.
T: Viel Rauch um nichts.
V: So habe ich es gehört.
T: Ich muss (Gibt ihm einen Abschiedskuss). Bah.
V: Willst du morgen ein Muesli?
T: Die Geschichte gefällt mir besser ...