Zu China

Zur Küche steigt hinunter sie am dritten Tag.
Sie wäscht die Hände sich, um eine Suppe anzurühren;
Weiß nicht, ob sie der Schwiegermutter schmecken mag,
Und lässt zunächst die kleine Schwägerin probieren.

Wang Dijian

Zu Japan
Teehausmädchen für alle

Teehausmädchen – für
Alle muss sie bereit sein,
Tags und die Nacht durch.
Morgens trennt sie mit Schmerzen
Sich vom flüchtigen Gast.

Ihara Saikuku


Japan und China bei uns zu Haus: ein kurzer Kommentar, unüblich

Die beiden Gedichte sind Übersetzungen aus Ostasien, Japan und China und wurden einer Installation in Wien beigegeben. Meine Vorgangsweise, die Gedichte kurz zu betrachten möchte als «dritten Weg» verstanden wissen. Grob gesprochen lassen sich herkömmlicherweise zwei intellektuelle Verhaltensweisen einem Gedicht aus einem anderen Sprach- und Kulturraum gegenüber feststellen:

Die inhaltliche Analyse, die einen Realitätsgehalt annimmt und diesen mit der Herkunftskultur in Verbindung setzt.
Eine poetologische Analyse, die den Umgang mit Sprache in den Vordergrund stellt.

Mein Verfahren ist nicht neu, aber doch nicht so geläufig wie die beiden oben erwähnten. Ich frage nach den Bedingungen in der eigenen Kultur, die einem Leser/einer Leserin zum einen ein Gedicht als fremd in einer spezifischen Weise (chinesisch, japanisch, ...) verstehen lässt und zum anderen nach den Auswahlkriterien, die gerade diese «Texte» von und über eine andere Kultur in einer Installation repräsentativ werden ließen. Gleichzeitig sollen diese Kriterien relativiert werden.

Beide Fragestellungen zielen nicht auf die vermeintlich andere, außer uns liegende Kultur ab, sondern thematisieren die Konstruktion des Fremden als genuinen Ausdruck der eigenen Kultur.

Die Zeilen «Zur Küche steigt hinunter ...» könnten auch in einem Gedicht in unserer Kultur vorkommen, ebenso alles weitere, daran ist nicht spezifisch Chinesisches zu erkennen. Die Zeilen könnten einer/m Heimatdichter/in entflossen sein, die eine Herrschaftsküche vor Augen hat und die in einem streng-geschlossenen Familienverband ein wichtiges Essen stattfinden lässt, in dem jemand aus der Familie einmal selbst «den Kochlöffel anlegt», was einem Heimatpoeten Anlass genug hätte sein können, dem ein einfühlsames Gedicht folgen zu lassen. Wir werden erst durch die Überschrift: Zu China, und durch den Autorennamen Wang Dijian dazu gebracht, es als Chinesisch zu betrachten.

Eindeutiger ist die Zuordnung zur Herkunftskultur «in den Augen hier» schon im zweiten Gedicht: Nicht nur der Hinweis auf Japan und den japanischen Autorennamen rahmt es als ein Statement über Japan, sondern auch das in unserer Kultur fest mit Japan verbundene Teehausmädchen, die, wie auch in dem Gedicht angesprochen, eine Art Hostess ist.

Die Konstruktion Chinas und Japans in der eigenen Kultur verläuft in der archaisierenden Variante über den Augenblick, die Stille und die Vergänglichkeit in Kombination mit der herausragenden – um nicht zu sagen das Leben des Einzelnen dominierenden Bedeutung der Familienstrukturen in China und der institutionalisierten Semiprostitution in Japan. Das sind auch die Themen der Gedichte.

Die Betonung des Augenblicks, der reinen Gegenwart im ersten Gedicht halte ich für nichts spezifisch Chinesisches oder auch Japanisches, das gibt es in vielen Ausprägungen auch hier (z.B. bei Handke). Das Thema der Vergänglichkeit im zweiten Gedicht ist m.E. auch nichts spezifisch Japanisches, es findet sich in vielen Variationen ernsterer und heiterer Natur auch in deutschsprachigen Ausformungen (Oh, du lieber Augustin ...). Durch den Rahmen (und teilweise dem Inhalt) werden wir durch Tradition in Kombination mit der vorliegenden Auswahl angehalten, diese beiden Themen vorzüglich mit «Asien» zu verbinden. Und: sie wurden im Rahmen dieser Austellung als repräsentativ für China und Japan herangezogen. Und nicht: verstopfte U-Bahnen, Autoverkehr, politischer Mord, amour fou, etc. Verwandtschaftliche Hierarchien sind auch hier vorhanden und nicht nur in den Büchern Franz Innerhofers nachzulesen. Auch hier ist Prostitution in vielen Varianten für verschiedene Einkommensschichten mit spezifischen Lokalitäten verbunden, meistens Bars und keine Teehäuser. Nachzulesen ist das Loblied auf die Prostitution aus der Position des Mitgefühls für die Prostituierte etwa bei Wolf Wondratschek oder in Hubert Fichtes Wolli Indienfahrer.

Die beiden präsentierten Gedichte bewegen sich im ästhetischen Diskurs über Japan und China, und sind damit rückwärtsgewandt indem sie die bedrohlichen und zerstörerischen Folgen der Moderne, wie Atombombe und Umweltzerstörung etwa, ausblenden (der Diskurs über das hässliche China und Japan). Scheinbar in der Gegenwart, sie betonend auch in der Vergänglichkeit, weisen sie in die Vergangenheit und auf eine orientalistische Konstruktion von Asien im Sinne Edward Saids. Biedermeierlich wäre ein weiteres Schlagwort hier, das insofern eine Berechtigung hat, als in dieser Kunst ebenfalls von politischen Bezügen abgesehen wird, ein «Rückzug» auf das Private hergestellt wird, mit dem Hintergrund eines diktatorischen Gewaltregimes in China und einer korruptionsanfälligen japanischen Politkultur, die sich vom Monarchen nicht verabschieden kann (wie übrigens auch einige europäische Demokratien).

Jedoch ungeachtet all dessen: beide Gedichte gefallen mir gut.