Last Trip – Best Trip
Zum Tode William S. Burroughs: 1914-1997
Aus der Trias der amerikanischen, stark vom Buddhismus inspirierten Beat-Generation – Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William Burroughs – ist nun nach Ableben William Seward Burroughs II. niemand mehr. 83jährig verstarb er in Lawrence/Kansas.
Burroughs stammte aus einer amerikanischen Industriellenfamilie, die durch die Erfindung des Arithometers (die erste Rechenmaschine, die über Tasten zu bedienen war) wohlhabend wurde. In gesicherten Verhältnissen aufwachsend, interessierte er sich sehr früh für Waffen und außeralltägliche Bewusstseinszustände, die ihn zur Drogensucht führten. 1936 bekam er nach dem Abschluss in Harvard von den Eltern eine Europareise geschenkt, die ein Jahr dauerte und ihn u.a. auch in Wien Station machen ließ, wo er länger blieb und – seinem damaligen Wunsch folgend Psychoanalytiker werden zu wollen – als Vorbereitung zunächst einmal Medizin studieren wollte. «Burroughs wohnte in einer Kombination aus Hotel und türkischem Bad, studierte und unterzog sich einer Behandlung gegen Syphilis. Als Wien sich zunehmend mit Nazis füllte, wurde Burroughs klar, dass er dort nicht bleiben konnte, und er hörte mit seinen medizinischen Seminaren auf» (St. Watson). Im Juli 1937 heiratet er die Wiener Jüdin Ilse Klapper, der er mit dieser Ehe die Emigration in die Vereinigten Staaten ermöglichte und sie so den Nationalsozialisten entzog. Weitere Stationen seines Leben waren u.a. Chicago, New York, eine Farm in New Waverly/Texas, New Orleans, Mexico City, Tanger, Paris («Beat Hotel»), London und eine Farm in Lawrence/Kansas. 1951 erschoß er im Rausch seine Frau Joan Vollmer Adams im Versuch, die Apfelszene aus Schillers Wilhelm Tell «nachzuspielen».
Sein erstes Werk, Junky, erschien unter dem Pseudonym William Lee in einer Schundheftreihe, sein zweites, Naked Lunch (1991 von David Cronenberg verfilmt), konnte nur in einem Eroticaverlag herausgebracht werden, der auch avantgardistische Autoren (Beckett, Genet) im Programm hatte. Nach dem Erfolg von Naked Lunch schrieb er: The Soft Machine, The Ticket That Exploded und Nova Express. Western Lands, das Libretto zur Oper Black Rider, in Zusammenarbeit mit Robert Wilson und Tom Waits, Interzone und My Education waren weitere Arbeiten. Zu seiner Poetik bemerkt Susan Sonntag: «Burroughs’ sämtliche Bücher sind Fragmente, und sie sind es mehr als in einem Sinne. Er schreibt Teilstücke eines endlosen Riesenwerks...Und jedes einzelne der Bücher besteht wiederum aus Fragmenten; ihre Länge, ihr Aufbau und ihre Komposition folgen keinem sichtbarem Schema...‘Die endgültige Form von Naked Lunch und die Anordnung der einzelnen Abschnitte ergab sich aus der Reihenfolge, in der das Material – zufällig – zum Drucker gelangte’ (Burroughs).»
In Paris wurde er von dem Maler und ehemaligen Restaurator Brion Gysin mit der Technik des Cut-up bekannt gemacht: eine Seite wird aus willkürlichen Textfragmenten, die durch Zerschneiden einer Seite verfügbar gemacht wurden, wieder zusammengefügt. Diese wird behalten usw. Burroughs: «Seiten mit Text werden ausgeschnitten und neu zusammengefügt, um eine neue Kombination von Wörtern und Bildern zu ergeben; das heißt, die Seite wird mit der Schere zerschnitten, für gewöhnlich in vier Teile, und dann in eine neue Ordnung gebracht... Ich nehme eine Textseite her, meine eigene oder von jemand anderem... und füge die Zeilen aneinander. Der zusammengesetzte Text wird dann von rechts nach links gelesen, halb der eine Text und halb der andere. Bei vielleicht einem von zehn funktioniert das, und den benutze ich dann.» Für Burroughs waren die «... Cut-ups auch ein revolutionäres Mittel, das Diktat der linearen Erzählweise zu brechen, also ein Kompositionsmittel, das seinem assoziativen Geist weit genauer entsprach ...» (St. Watson).
Burroughs’ Wirkung erstreckte sich eher auf die Popkultur und war in der Literatur, gemessen an seiner inhaltlichen und formalen Neuerung, geringer ausgeprägt. Nicht umsonst erwählte ihn die Reflexseuse der pop culture, die Vermittlerin zwischen akademischer und subkultureller Ebene, Susan Sontag zum Gegenstand eines Essays («William Burroughs und der Roman»). Auf Burroughs berufen sich Patti Smith, Heavy Metal, Laurie Anderson, David Cronenberg, Kurt Cobain, Robert Wilson. In Drugstore Cowboy hatte er z.B. einen seiner Filmauftritte. Auch war er einer der Köpfe auf dem Beatles-Album Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band. 1983 wurde er in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. Am von Chögyam Trunga Rinpoche gegründeten Naropa Institute war er ein gern gesehener Lehrer.
Die Gegenkultur lebt mit Burroughs. Die Kultur lebt durch Burroughs. Der reine Beobachter ist glasklar.
Literatur:
Susan Sontag: William Burroughs und der Roman. In: Kunst und Antikunst.
24 literarische Analysen. Frankfurt/Main, 1989
Steven Watson: Die Beat Generation. Visionäre, Rebellen und Hipsters,
1944-1960. Wien, 1997